Vortrag „Das Neue Dorf“

Plädoyer für Humusaufbau in Gärten und Landwirtschaft

Am 16. Januar um 19 Uhr drohte Platznot im Clubraum der Stadthalle von Groß-Umstadt, denn die 60 bereitstehenden Stühle waren längst besetzt und fast 40 mussten nachträglich hinzugestellt werden. Das städtischen Agenda-Büro hatte auf Empfehlung von Gabriele Blank und der Agenda-Strategiegruppe Herrn Prof. Dr.-Ing. Ralf Otterpohl, Leiter des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität Hamburg (TUHH), eingeladen, und er sprach und begeisterte 2,5 Stunden lang anschaulich und lebendig über „Das Neue Dorf“.

Als international anerkannter Experte im Bereich Wasser-/Abwassersysteme und im Bereich Siedlungswasserwirtschaft und ländliche Entwicklung erkannte Prof. Otterpohl schon sehr bald in seiner beruflichen Praxisarbeit den Zusammenhang zwischen unserem Umgang mit dem Wasser und dem Humusabbau auf den Feldern. Während er in früheren Vorträge ausschließlich auf das „Wasser – Humus“ Thema einging, hat er in den letzten Jahren eine realistische Möglichkeit visioniert, wie wir aus dieser Abwärtsspirale wieder herauskommen und für uns eine positive Zukunftsperspektive geschaffen.

Deshalb ist „das neue Dorf“ eher eine Chiffre für sein aktuelles Thema, bei dem es darum geht, auf andere, ja neue Weise zusammenzurücken, Landwirtschaft neu zu denken und zu organisieren, denn „wir brauchen statt agro-chemischen Ackerbaus dringend Humus und lebendigen Boden. Der Mensch hat von 1950 bis 1990 ein Drittel aller fruchtbaren Böden stark degradiert oder zerstört (UN Millenium Ecosystem Report), und irgendwo müssen unsere Lebensmittel ja herkommen.“

Landwirtschaft heute ist großflächige Maschinenwirtschaft und ohne Mineraldünger (Zwangs- /Fehlernährung der Pflanzen), Phosphat-Verknappung, Uran, Cadmium, Pestizide, Fungizide, Glyphosat, … scheint es nicht zu gehen. Dabei, so Otterpohl, „vernichtet der agro-chemische Krieg gegen die Natur Humus, Insekten, Vögel … und am Ende die Menschen?“

„Ein zukunftstauglicher Bauernhof“, beschreibt der Wissenschaftler „besteht aus vielleicht hundert Minifarmen: Dem Neuen Dorf. Teilzeit-Gärtner produzieren mit interessanter Nachbarschaft hochwertigste Lebensmittel. Humusaufbau sorgt für hohe Produktivität, sichert die Wasserversorgung und ein ausgeglichenes Klima. Hunderte Nutzpflanzen in Gartenbau, Agroforst, mit Waldgärten und Permakultur stärken sich gegenseitig. Die vielfältigen Kleinbetriebe der Neuen Dörfer versorgen auch die Stadt, und typischerweise haben die meisten Menschen neben der eigenen Minifarm einen Anteil an einem Betrieb der Weiterverarbeitung oder beispielsweise der Herstellung von Haushaltsmitteln, einer Tischlerei oder an einem Betrieb zur Herstellung von Elektrogeräten für den Gartenbau.

Otterpohl präsentierte umfangreiche wissenschaftliche Expertisen und erfolgreiche Beispiele aus Eritrea, China, Neuseeland und dem Allgäu, die er selbst angeleitet hat. Einst abgeholzte und erodierte Oasen wurden in fruchtbare Grünlandschaft zurückverwandelt, karge Weideflächen lebten auf als wasserdurchzogene Gemüsegärten. Doch dazu „braucht es sehr viele Menschen, die an einer besonders lebenswerten Welt aktiv mitwirken. Alles ist lernbar, und wenn viele Menschen sich zusammen tun, dann heißt das auch, anzupacken und etwas aufzubauen.“

Univ. Prof. Dr. Ralf Otterpohl lehrt seit etwa fünfzehn Jahren Studierende aus aller Welt zum Thema Wasserwirtschaft und ländliche Entwicklung. Durch die Forschung zu Terra Preta Sanitation konnten Wege zur effizienten Humusproduktion aufgezeigt werden. Zusätzlich zu seinem Studium der Wasser-/Abwasserwirtschaft, arbeitete es sich intensiv in das Thema der Siedlungswasserwirtschaft ein, absolvierte zusätzliche Ausbildungen in Geomantie und Psycho-Kinesiologie. Er hat zwei Töchter und bewirtschaftet einen Permakultur-Garten mit Wald, verbreitet Walnussbäume und Esskastanien.

Die ortsansässige Buchhandlung hat dankenswerterweise alle Bücher, die an dem Vortragsabend vor Ort zur Ansicht auslagen, bei sich auf einem Extra-Büchertisch für die nächsten Wochen ausgelegt. Diese ausführliche Informationen über Permakultur, Kompost, Mischpflanzungen, Kraterbeete, wissenschaftliche Hintergründe, Nützlinge im Garten, Regenwürmer, Vögel, u.s.w. liegen dort aus, damit auch Interessierte, die am Vortragsabend selbst nicht da sein konnten, sich ein fundiertes Bild über dieses Thema machen können.

Das Thema „Permakultur“ wird weiterhin als ein Agenda 21 Projekt für Groß-Umstadt verfolgt und nach diesem großen Publikumserfolg sind weitere Informationsveranstaltungen geplant.